Überstunden als Lehrkraft: Was die Studien zeigen

Dass Lehrkräfte mehr arbeiten, als im Deputat steht, ist im Kollegium Allgemeinwissen. Seit gut zehn Jahren messen Arbeitszeitstudien nach, wie viele Stunden tatsächlich zusammenkommen — und kommen zu bemerkenswert verschiedenen Durchschnitten. Hier stehen die Zahlen, die Gründe für ihre Unterschiede und was sich daraus für dich ableiten lässt.

Die Zahlen

Drei große Erhebungen liefern die Grundlage der Debatte. Sie kommen zu unterschiedlichen Durchschnitten, weil sie unterschiedlich messen — nebeneinandergestellt sagen sie mehr als jede einzelne für sich.

Sachsen 2022: geschätzte Zeiten, deutliche Mehrarbeit

Die Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Universität Göttingen befragte im Sommer 2022 mit Förderung der GEW Sachsen 1.473 Lehrkräfte an 300 Schulen. Die Arbeitszeit wurde dabei nicht laufend mitgeschrieben, sondern über einen Fragebogen geschätzt:

Studie Sachsen 2022 der Kooperationsstelle Göttingen

Berlin 2023/24: ein Schuljahr lang täglich erfasst

Dieselbe Forschungsgruppe ließ in Berlin nicht mehr schätzen: 1.217 Lehrkräfte trugen ein komplettes Schuljahr lang täglich ein, woran sie gearbeitet hatten. Der Abschlussbericht vom Juni 2025 kommt auf rund 100 Stunden über der Jahresarbeitszeit von 1.772 Stunden — umgerechnet eine Woche von 42:14 Stunden oder zweieinhalb zusätzliche Arbeitswochen im Jahr. Hochgerechnet auf alle Berliner Lehrkräfte sind das über zwei Millionen unbezahlte Stunden jährlich. Studie Berlin 2023/24

Sachsen 2024/25: dieselbe Methode, ein anderes Ergebnis

Die bislang größte Untersuchung kommt nicht aus dem gewerkschaftlichen Umfeld, sondern vom sächsischen Kultusministerium: Die Prognos AG begleitete im Schuljahr 2024/25 3.772 Lehrkräfte und 386 Schulleitungen, ausgewählt per Zufallsstichprobe, die Teilnahme war verpflichtend. Auch hier wurde täglich erfasst — das Ergebnis fällt trotzdem anders aus:

Arbeitszeituntersuchung auf smk.sachsen.de

Was die Unterschiede bedeuten

Dass die Zahlen auseinandergehen, ist kein Widerspruch, sondern eine Folge der Methode. Geschätzte Zeiten fallen erfahrungsgemäß höher aus als täglich mitgeschriebene. Und wer sich freiwillig für eine Arbeitszeitstudie meldet, hat dafür häufiger einen Anlass als jemand, den eine Zufallsstichprobe verpflichtet. Vor allem aber macht es einen erheblichen Unterschied, ob man die Schulwochen betrachtet oder das ganze Jahr samt Ferien. Mehrarbeit während der Schulzeit weisen beide sächsischen Erhebungen nach — 3:10 Stunden 2022, 2,4 Stunden 2024/25 —, und die Berliner Studie kommt schon im Jahressaldo auf ein Plus. Uneins sind die Studien erst bei der Frage, ob die Ferien das über das Jahr wieder ausgleichen.

Einig sind sich die Studien an einer ganz anderen Stelle: Die Streuung ist größer als jeder Mittelwert. In Sachsen lag ein Viertel der Vollzeitkräfte in Schulwochen unter 37,3 Stunden, ein weiteres Viertel über 45 Stunden, und die individuellen Bilanzen reichten von 15 Stunden Minderarbeit bis 25 Stunden Mehrarbeit pro Woche — bei gleichem Soll. Der Durchschnitt sagt also wenig darüber, wo du selbst stehst. Das zeigt nur die eigene Aufzeichnung.

Warum sich das so schwer greifen lässt

Anders als in Berufen mit Stechuhr fällt die Mehrarbeit im Schuldienst nicht als Block an, sondern in vielen kleinen Portionen: eine halbe Stunde Vorbereitung am Abend, zwei Stunden Korrektur am Sonntag, ein Elterngespräch zwischen Tür und Angel, die Klassenfahrt, bei der die Arbeitszeit ohnehin nicht mehr messbar ist. Die Studien sprechen von einer Entgrenzung der Arbeitszeit: Sie hat keinen Anfang und kein Ende mehr.

Dazu kommt, dass die entlastenden Zeiten — die Ferien — sehr sichtbar sind, während die belastenden über das Jahr verteilt und unsichtbar bleiben. Genau deshalb ist die Debatte so festgefahren: Beide Seiten haben Recht, weil sie über verschiedene Zeiträume reden.

Mehrarbeit, Überstunden, Ausgleich — die Begriffe

Umgangssprachlich heißt alles „Überstunden“. Dienstrechtlich ist die Lage differenzierter, und sie unterscheidet sich zwischen den Bundesländern:

Was in deinem Fall konkret gilt, steht in der Arbeitszeit- oder Mehrarbeitsverordnung deines Landes; im Zweifel geben Personalrat oder Gewerkschaft Auskunft. Eine eigene Dokumentation ersetzt diese Auskunft nicht — sie ist aber die Grundlage, um das Gespräch überhaupt führen zu können.

Was Aufschreiben tatsächlich bringt

Der Effekt ist unspektakulär, aber verlässlich: Nach ein paar Wochen weißt du, wo deine Zeit hingeht. Fast immer fällt dabei etwas auf, womit man nicht gerechnet hat — häufig der Korrekturanteil in bestimmten Fächern, oft auch die Summe der vielen kleinen Verwaltungsvorgänge.

Daraus lassen sich drei Dinge machen: Aufgaben im Kollegium anders verteilen, das eigene Vorgehen bei den größten Blöcken ändern (Korrekturschlüssel, Materialrecycling, Sprechzeiten bündeln) — oder mit Zahlen belegt eine Entlastung beantragen.

Überstunden von Lehrkräften sichtbar gemacht: Jahresverlauf der erfassten Arbeitszeit Monat für Monat

Der einfachste Weg zu eigenen Zahlen

Damit die Dokumentation nicht selbst zur Belastung wird, sollte der größte Block automatisch laufen: Der Unterricht steht ohnehin im Stundenplan und muss nicht jede Woche neu eingetippt werden. Übrig bleibt das, was tatsächlich variiert — und genau darüber will man ja Bescheid wissen.

Wie viel bei dir zusammenkommt, kannst du vorab überschlagen: Jahresarbeitszeit-Rechner →

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Häufige Fragen

Wie viele Überstunden machen Lehrkräfte im Schnitt?

Das hängt davon ab, wer misst und über welchen Zeitraum. Die Berliner Erhebung der Universität Göttingen, bei der 1.217 Lehrkräfte ein Schuljahr lang täglich mitschrieben, kommt auf rund 100 Stunden über der Jahresarbeitszeit — zweieinhalb zusätzliche Arbeitswochen. Die Prognos-Untersuchung für das sächsische Kultusministerium fand dagegen ein über das Jahr fast ausgeglichenes Konto bei Vollzeitkräften, in den Schulwochen aber 2,4 Stunden Mehrarbeit pro Woche. Einig sind sich die Studien darin, dass die Unterschiede zwischen einzelnen Lehrkräften größer sind als jeder Durchschnitt.

Arbeiten Gymnasiallehrer mehr als Grundschullehrer?

Nach der sächsischen Erhebung von 2022 ja: Am Gymnasium lag die Mehrarbeit bei rund 4 Stunden 18 Minuten pro Schulwoche, an Grund- und Oberschulen bei jeweils etwa 2 Stunden 16 Minuten. Die Prognos-Untersuchung von 2024/25 bestätigt die Richtung — Gymnasiallehrkräfte überschritten ihr Soll häufiger und deutlicher als andere. Hauptgrund ist der höhere Korrekturaufwand in der Sekundarstufe II.

Ist es erlaubt, als Lehrkraft mehr als 48 Stunden pro Woche zu arbeiten?

Die 48-Stunden-Grenze ist die arbeitsschutzrechtliche Höchstgrenze im Wochendurchschnitt. Je nach Studie überschreiten zwischen 12 und 36 Prozent der Vollzeitkräfte diese Grenze während der Schulzeit — der niedrigere Wert stammt aus der täglichen Erfassung in Sachsen 2024/25, der höhere aus der Schätzung von 2022. Da über das Jahr gemittelt wird und die Ferien gegenrechnen, ist die Bewertung im Einzelfall komplizierter; der Befund gilt aber als wesentliches Argument in der Debatte um Arbeitszeiterfassung an Schulen.

Bekomme ich Überstunden als Lehrkraft ausgezahlt?

Angeordnete Mehrarbeit, etwa zusätzliche Vertretungsstunden über das Deputat hinaus, wird nach den Regelungen des jeweiligen Bundeslandes ab einer bestimmten Stundenzahl ausgeglichen oder vergütet. Mehrarbeit, die durch Vorbereitung, Korrektur und Verwaltung entsteht, ist dagegen bisher weder erfasst noch mit einem automatischen Ausgleichsanspruch verbunden. Verbindliche Auskunft geben Personalrat oder Gewerkschaft.